Ab 26.09.: The Moment is Eternity – Works from the Olbricht Collection


„The Moment is Eternity“ lenkt vom 26.09.2018 bis 01.04.2019 mit rund 300 ausgestellten Werken und Objekten von rund 60 KünstlerInnen das Augenmerk auf die fotografischen Arbeiten der Olbricht Collection und zeigt sie im Dialog mit anderen Kunstwerken der Sammlung sowie Artefakten der Wunderkammer.

Zu den programmatischen Schwerpunkten der Olbricht Collection gehört das Thema Vergänglichkeit. Welches andere künstlerische Medium als die Fotografie wäre besser geeignet, die daraus entstehenden Fragen von Zeit und Geschichte zur Diskussion zu stellen?
Dem Augenblick Dauer zu verleihen, ist dem Medium per se eingeschrieben. Hier berühren sich Kunst und Philosophie: Seit der Antike wird die Ewigkeit als zeitlos beschrieben, und in diesem Sinn setzt Goethe in dem Gedicht „Vermächtnis“ (1830) Augenblick und Ewigkeit gleich. Der Moment ist für den Menschen der einzig wahrnehmbare Teil der Ewigkeit.

Die Welt sinnenhaft und vernunftbegabt wahrnehmend zu gestalten, ist Goethes „Vermächtnis“: es fügt sich mit Henri Cartier-Bressons Diktum des „entscheidenden Augenblicks“ (the decisive moment) über Epochengrenzen hinweg zur Beschreibung einer Kunst, die die Essenz eines Geschehens und die ihr angemessene Form in eins zu fassen vermag. Wie der fotografische Zugriff auf die Wirklichkeit die Zeichen einer Zeit verdichtet, so reflektieren auch die anderen Künste im Zusammenspiel vielfältige Aspekte wie Dauer und Vergänglichkeit. Schönheit und Sinnlichkeit, Werden und Vergehen oder Körper und Gesellschaft werden innerhalb der großen Bandbreite der Olbricht Collection in verschiedenen Epochen und Medien gezeigt.

Die Fotografie verdoppelt die Wirklichkeit nur scheinbar. Von der Dokumentation zur Selbstreflektion ermöglicht sie Aufschluss über die Bedingtheit des menschlichen Lebens und die Gesellschaft in verschiedenen Epochen. August Sander ist mit seiner epochalen Studie über die Menschen des 20. Jahrhunderts ein Beispiel dafür, wie das Vertrauen in die faktische Kraft des fotografischen Bildes mit dem vergleichenden Sehen eine verbindliche soziale Typologie hervorbringt. Sammeln und Bewahren ist nicht nur Aufgabe des Naturforschers oder offenbart sich in den Ablagerungen von Zellen, etwa im Schildkrötenpanzer. Auch ein Zeitgenosse wie Nicholas Nixon, der mit seinen Brown Sisters das Vergehen der Zeit wie die Sanduhr visualisiert, reiht sich in diese Praxis ein.

Bildnis und Spiegelbild, Inszenierung und Selbstbefragung nehmen eine Schlüsselrolle ein. Nicht nur der Spiegel des fotografischen Silberbilds, den Otto Steinert im Umkehrbild des doppelköpfigen Frauenbildnisses betont, auch die Kulturgeschichte von Rollen und Ritualen, wie sie Cindy Sherman in Szene setzt oder Lee Friedlander als lakonisches Selbstbild fixiert, halten dem Betrachter den Spiegel ihrer Zeit vor. Die Unmittelbarkeit eines direkten Gegenübers zeigen sowohl der monumentale Fotorealismus eines Franz Gertsch wie auch die expressionistische Ausdruckskunst von Emil Nolde oder die Konfrontation mit dem Rotlichtmilieu bei André Gelpke.

Die Malerei der Gegenwart hat in der Rezeption fotografischer Verfahren wie auch in der Aneignung medialer, historisch besetzter Bilder wirkmächtige Instrumente gefunden, etwa in den Aktdarstellungen von Gerhard Richter oder Marlene Dumas. Sie stehen Körperbildern etwa von Otto Steinert oder Helmut Newton gegenüber, die die Ästhetik ihrer Zeit verdichten. Auch das Motiv des Ecce homo zieht sich in vielfach gebrochenen Varianten durch die Jahrhunderte, von Dürers Sebastian bis zum exponierten Körper des Models Kristen McMenamy, das Fotografen von Helmut Newton bis Juergen Teller inspiriert hat.

Fotografisches Sehen ist vergleichendes Sehen. So hat Annette Kicken in ihrer persönlichen Sicht in der vielfältigen Olbricht Collection die Werke aufgespürt, die in einer Reihe von Motiven, Sujets, Gesten und Artefakten durch Überlagerungen und Analogien gleichartige Schwingungen hervorrufen. Sie zeigen, wie alles miteinander in Verbindung treten kann. Es kommt auf den Moment an.

Kuratiert von Annette Kicken.

KünstlerInnen
Diane Arbus, Tina Barney, Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Larry Clark, Philip-Lorca diCorcia, Rineke Dijkstra, Robert Doisneau, Albrecht Dürer, William Eggleston, Ed van der Elsken, Elger Esser, Louis Faurer, Lee Friedlander, André Gelpke, Franz Gertsch, Francisco de Goya, Paul Graham, Jitka Hanzlová, Herbert Hoffmann, Ernst Ludwig Kirchner, Carl Robert Kummer, Zoe Leonard, Robert Mapplethorpe, Lisette Model, Eadweard Muybridge, Helmut Newton, Nicholas Nixon, Elizabeth Peyton, Gerhard Richter, August Sander, Cindy Sherman, Giorgio Sommer, Otto Steinert, Bert Stern, Juergen Teller, Wolfgang Tillmans, u.a.

Im Rahmen der Berlin Art Week 2018 und des EMOP Berlin – European Month of Photography.

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 Abbildungen & Copyrights (v.l.n.r./v.o.n.u.)
Cindy Sherman, Untitled Film Still #2, 1977 © Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York
Ed van der Elsken, Parijs, Pierre et Paulette, 1955, Nederlands Fotomuseum © Ed van der Elsken, Courtesy Galerie Kicken Berlin
Carl Robert Kummer, Landschaft nahe Dresden bei Sonnenuntergang, ca. 1850 © Olbricht Collection, Photo Jana Ebert
August Sander, Handlanger, 1928 © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln / VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Juergen Teller, Yves Saint Laurent, Paris, 2000 © 2000 Juergen Teller, All Rights Reserved
Otto Steinert, Maske einer Tänzerin, 1952 © Nachlass Otto Steinert, Museum Folkwang, Essen
Gerhard Richter, Betty, 1991 (WV-Nr 75) © Gerhard Richter 2018 (0131)
André Gelpke, Christine mit Spiegel, 1977 © André Gelpke, Courtesy Galerie Kicken Berlin
Herbert Hoffmann, Dr. Hubert Fritz Clotten, Foto ca. 1965 © Courtesy Galerie Gebr. Lehmann, Dresden
William Eggleston, Untitled, Memphis, 1970 © Eggleston Artistic Trust, Courtesy Eggleston Artistic Trust and David Zwirner
Giorgio Sommer, Mount Vesuvius, 1872 © Olbricht Collection, Photo Galerie Bassenge, Berlin

Die Wunderkammer Olbricht

Die Wunderkammer Olbricht

Die Auswahl und Qualität der Objekte in der Wunderkammer Olbricht ist weltweit einzigartig. Mit ihren über 300 Exponaten aus Renaissance und Barock gehört sie zu einer der bedeutendsten Privatsammlungen ihrer Art.

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